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Hamburger Geschichten

 

 

Horst Kronshage, Hamburger Werftarbeiter, erzählte gerne von dem Hasen Hoppeldipoppel: "Einträchtig teilte er sich eine Lichtung im Wald mit anderen Hasen. Jeder gab dem andern gute Tipps: ´In dieser Ecke ist das Löwenmal besonders zart. Da hinten gibt es Wurzeln. Hier schmeckt das Gras besonders gut.´ Bis einer eines Tages zu einem Flecken Wiese sagte: ´Das ist meins!´ Schnell folgten ihm die andern, reklamierten jeweils ein Stück der Wiese für sich und achteten peinlichst darauf, dass keiner von seinem Gras fraß. Hoppeldipoppel war bass erstaunt. Bis er merkte, was geschehen war, war kein Flecken Wiese mehr übrig. Traurig zog er von dannen."

Dieser Werftarbeiter hatte einen Schrebergarten und auch sonst noch viele Hobbys. Im Alter drängte es ihn trotzdem auf Kreuzfahrten. Für das Dinner an Deck kaufte er sich ein rotes Jackett. Zuerst war es eine kurze, billige Kreuzfahrt im Mittelmeer. Dann kam Horst Kronshage eines Tages von einer teureren zurück und berichtete, was der Kapitän ihm eines Abends sagte: "Mit jeder neuen Kreuzfahrt will man eine Klasse höher fahren."

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Hans-R. Pietsch war Betonfacharbeiter und folgte dem Ruf, sich fortzubilden, kreativ zu sein, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Er machte neben seiner Arbeit Abitur und studierte Medizin. Bei den Gummiwerken Phoenix wollte er sich als Betriebsarzt seinen Kollegen nützlich erweisen. Dort fielen Arbeiter an Maschinen reihenweise um, ohne dass man die Ursache kannte. Hans-R. Pietsch machte Messungen. Er nahm das Material, das dort gepresst wurde, mit nach Hause und testete es mit Hilfe eines Chemikers unter verschiedenen Bedingungen. Nächtelang brüteten die beiden darüber, bis sie eines Tages des Rätsels Lösung hatten: Von einer bestimmten Temperatur ab gab das Material giftige Dämpfe ab. Freudig ging er zum Betriebsrat und teilte ihm die Entdeckung mit. Dann eilten er und der Betriebsratsvorsitzende zur Geschäftsleitung, um ihr die frohe Botschaft zu überbringen.

Die Geschäftsleitung reagierte jedoch sauer. Er gehöre zur Geschäftsleitung und müsse diese zuerst unterrichten, hieß es. Er habe gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen. Er musste den Betrieb bald verlassen. Hans-R. Pietsch machte sich selbstständig als Arzt, nahe der Alster. Auch hier engagierte er sich für Menschen. Er wies darauf hin, wie die EinwohnerInnen an der Alster von der Gesundheitsbehörde verarscht werden: Die verpestete Luft gefährdet die Gesundheit; aber damit das nicht so deutlich wird, nimmt die Behörde die Luftmessungen jetzt einfach einen Meter höher vor. Er hielt es für ein Verbrechen, zu einem Lauf um die Alster aufzurufen. Das kam aber nicht gut an bei Shell, Hanse, Hansaplast, Presse und Senat. Kein Medium wollte ihn zu Wort kommen lassen. Er wurde gemieden

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Es gibt menschliches Kapital, Fachkräfte, die man gebrauchen kann, und menschlichen Schrott, der nicht mehr zu gebrauchen ist, sagen die Herrschenden im Kapitalismus. Die Fachkräfte kaufen wir aus der Dritten Welt; das ist billiger, als sie selbst auszubilden. Den Schrott geben wir zurück in die Familien, in die Hände von Ehrenamtlichen, in die Hände von Menschen in Projekten, die sich selbst ausbeuten. Ein Startkapital geben wir ihnen, aber klar doch. Danach müssen sie sich in der kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft jedoch selbst behaupten können.

So geschehen mit Frauencafé "BißQuit" in St. Georg. Langzeitarbeitslose, unqualifizierte Frauen und mit Methadon substituierte, drogenabhängige Frauen sollten dieses Café gegen die Konkurrenz vieler Cafés und Kneipen in St. Georg durchsetzen. Sie sollten ausgebildet werden und gleichzeitig Umsatz machen. Viele gutmeinende EinwohnerInnen St. Georgs öffneten ihre private Schatulle, um eine GmbH zu gründen. Das finanzielle Risiko für den Umbau trugen die Betreiberinnen, da der Zuwendungsbescheid der Behörde erst am Tag vor der Eröffnung am 6. Juni 1997 eintraf. Die Geschäftsführerin Liane Lieske brauchte zehn Stunden täglich zum Ausfüllen der Anträge für die Behörde und das Arbeitsamt; daneben sollte sie noch ausbilden und die Geschäfte führen. Sie tat dies bis zur Selbstaufgabe.

Bis sie im Juli 1998 sagte: "So geht das nicht weiter." Doch die Behörde für Gesundheit, Arbeit und Soziales ließ sie im Stich. Sie genehmigte ihr kein qualifiziertes Stammpersonal. Hunderttausende Mark steckte allerdings der Projektentwickler "Beschäftigung & Bildung" von der Behörde dafür ein, dass er Liane Lieske falsch beraten und ihr falsche Hoffnungen gemacht hatte. So standen am Tag der Arbeit 2000 in St. Georg, als gerade keine Wahlen anstanden, wieder einige Langzeitarbeitslose und Drogenabhängige mehr auf der Straße.

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Harry hatte sein Lager unter der Kennedy-Brücke. Als eines Tages ein Mann ins Wasser fiel, holte er ihn raus. "Das ist doch selbstverständlich, das ist die Pflicht eines jeden Bürgers", sagte er. Dafür wurde er öffentlich geehrt und in den Medien herumgereicht. Alle wollten sich mit ihm ablichten lassen. Ein gut situierter Hamburger Bürger bot ihm sogar eine vornehme 1-Zimmer-Wohnung mit eingebauter Küche an. Für 10 Stunden in der Woche sollte er dafür arbeiten. Auch Pantoffeln, Hemden und Pullover bekam er von seinem Gönner geschenkt.

Bis es ihm eines Tages zuviel wurde. Er tauchte nicht mehr auf in seiner Wohnung. Er wollte nicht mehr Objekt sein. Harry hat sein Lager unter der Kennedy-Brücke.

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Flohmarkt in Oststeinbek, alles für ein paar Cent. Zwei Kinder stehen vor einem Tisch und flöhen die Kiste mit den Überraschungseier-Figuren durch. Ein kleiner türkischer Junge und ein deutsches Mädchen. „Sucht euch was aus, ich schenk’s euch“, sagt die Händlerin freundlich. Der kleine Junge greift sich einen Plastik-Boxer. „Wie sagt man?“, fragt Papa mahnend. „Danke schöne“, sagt das Kind strahlend. Das blonde Mädchen fischt sich eine Entenfigur raus: „Ich will die!“ Mama sieht zu, nimmt ihre Tochter bei der Hand und zieht ab. Wortlos. Die Händlerin guckt irritiert. Wie sagt man?

 

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Horst S. bezeichnete sich 2006 als Weltmeister im Saufen. Er hatte mehr als 5 Promille. Mit 15 Jahren hatte er seine erste Alkoholvergiftung. An der Bahrenfelder Straße in Ottensen hockte er auf einer Pappe, bettelte und trank Jägermeister, Wein aus Tetrapaks und Bier. Dann machte er Schluss. Er wollte wieder Kontakt zu seinen fünf Kindern haben, er wollte nicht mehr obdachlos sein. Er hatte gemerkt, dass niemand ihm hilft; also musste er sich selbst helfen. Er machte einen Entzug – ohne Klinikaufenthalt.

 

Heute ist es dem 43-Jährigen peinlich, wenn er einen torkelnden Trinker auf sich zukommen sieht: „Es schreckt mich ab, wenn ich an das denke, was der Alkohol aus mir gemacht hat.“ Mittlerweile hat er eine kleine Wohnung in Jenfeld und ist „Hinz & Kunzt“-Verkäufer. Ihm fehlt noch ein fester Job; gerne würde er im Garten arbeiten. „Und eine Frau, die hätte ich auch gerne. Alleine sein ist blöd. Aber sie darf auf keinen Fall ein Alkoholproblem haben und Raucherin sein. Der Qualm ist nicht gut für meine Augen.“ Seit 2007 ist er trocken.

 

Er sitzt jetzt vor der Kneipe „Möllers Raucherclub“ an der Bahrenfelder Straße und nippt an seinem Glas Wasser. Er trinkt es literweise, weil sein Körper es braucht.

 

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Stephan, Organist, hat keine eigene Wohnung. Er schläft mal hier, mal dort. Er braucht kein Bett. Mal kauert er nachts in einer Werkstatt, mal rollt er sich bei Freunden zusammen. Mal tut er diesem, mal jener einen Gefallen. Immer in schwarzen Anzug und schwarzem Pulli. Sozialhilfe kassiert er noch, aber ansonsten wartet er darauf, dass sein Großvater stirbt und er ein großes Erbe antritt. Seiner Mutter hat dieser schon ein Haus gekauft; aber dahin gehr er nur selten und spiegelt ein geordnetes Leben vor. Eine Waschmaschine, eine Dusche, Lebensmittel, Kochgelegenheiten findet er woanders. Er lebt in einem großen Netzwerk.

 

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Holger arbeitet für den Norddeutschen Regattaverein und die Hamburger Ruderer. Es sieht nicht danach aus, wenn er abends mit seiner Angel anrückt und sich an der Alster niederlässt. Vier Stunden pro Nacht soll er hier für Sicherheit sorgen; für Sauberkeit sorgt er auch noch, nebenher, kostenlos. Das lieben seine Auftraggeber, die er sich wohlgesonnen hält, indem er ihnen ab und zu ein paar Aale vom Schalsee mitbringt. Dort kommt er manchmal bei einem Freund unter.

 

Zweimal 400 Euro im Monat reichen ihm. Er darf sich nachts aus den Kühlschränken seiner Vereine bedienen. Wenn die Hummer kriegen, darf er sich zwei mit nach Hause nehmen. Er fühlt sich wie im Schlaraffenland. Früher hat er 1500 Euro im Monat verdient; aber es machte ihm keinen Spaß: täglicher Stress und missmutige Kollegen.

 

Neulich hat er nachts zwei Diebe dabei ertappt, wie sie einen Außenbordmotor abschraubten. Mit seinem Kollegen, 1,90 m groß und 80 kg schwer, trat er ihnen entgegen: „Ihr geht sofort zurück und schraubt ganz schnell den Motor wieder an. Von einer Anzeige will ich dann mal absehen.“ Meistens sitzt er aber nur auf einem Steg und angelt.

 

Mit Ekel vor seinen Auftraggebern: „Die sind ein geschlossener Zirkel, piekfein, schmierig, hochnäsig, dünkelhaft.“ Zu ihren Festen wird er nicht eingeladen. Ihm reicht es jedoch, wenn er seinen Hummer bekommt.

 

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Im „Old Commercial Room“ beim Michel tagte das SPD-Präsidium, das seinen Bürgermeisterkandidaten (Matthias Petersen) stürzte. Dieses Lokal gehört Reinhard Paul Rauch. Mit seinem strengen Regiment eifert er Bismarck nach, dessen Statue in der Nähe thront. Ein Koch hatte mal eine Scholle vergessen und wurde von Rauch angepöbelt: „Ich hau dir in die Fresse, dass dich deine eigene Mutter nicht erkennt.“ Farbige Angestellte nennt er „Penner“, „Sklave“, „Nigger“, „Vollpigmentierter“. Als ein Koch, der keine Pause bekam, einmal Mineralwasser auf Kosten des Hauses haben wollte, wurde er von Rauch angeschrien: „Du quatschst zuviel. Ich schicke dir Schläger, die machen dich fertig.“

Überall im Lokal sind Minikameras und Abhörmikrofone installiert. Man tut eben alles für seine prominenten Gäste und für seine Touristen. Der kleine Herrscher ist auf der Höhe der Zeit.

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Eine Budnikowsky-Filiale in St. Georg feierte Geburtstag. Dort, wo alles angefangen hatte. Cord Wöhlke, der Geschäftsführer, verteilte Sternchen, bis ein Kunde ihn ansprach: „Das After Shave Irisch Moos, 150 ml, kriege ich bei DM billiger.“ „Das ist mein Konkurrent aus dem Süden, Götz Werner. Der macht alles nieder, um sich dann in der Fläche zu behaupten. Die Schwaben sind geizig und gierig. Aber wenn Sie den Beweis liefern, kriegen Sie das After Shave hier auch zu demselben Preis.“ Eine Woche später kam derselbe Kunde mit einem Beleg zur Schichtleiterin: „Erinnern Sie sich an mein Gespräch mit Ihrem Geschäftsführer?“ „Da muss ich zuerst die Verkaufsleiterin in der Zentrale fragen.“ Aufgeregte Telefonate. Langes Warten. „Ja, Sie bekommen das After Shave zum Preis der Konkurrenz.“

Ein Jahr später. Die zweite große Budnikowsky-Filiale in der Langen Reihe macht auf. Wieder verteilt Cord Wöhlke Sternchen. Der alte Kunde taucht wieder auf: „Hier sind die Belege vom letzten Jahr. Ich möchte das After Shave wieder zum Preis der Konkurrenz haben.“ „Aber die Konkurrenz könnte ja heute mehr verlangen.“ „Meines Wissens hat sie immer noch den alten Preis.“ „Das muss ich erst überprüfen. – Wenn Sie Zeit haben, kann ich das jetzt machen.“ Schweißperlen auf der Stirn von Cord Wöhlke. Er telefoniert: „Ja, ich muss das gleich wissen. Ich habe da einen Kunden.“ Warten. „Verbinden Sie mich bitte weiter. Wir haben da ein Wettbewerbsproblem. Ich warte. Rufen Sie mich bitte zurück.“ Warten. Schweißperlen. Ein anderer Kunde lobt Budnikowsky. „Ja, ich höre. Was sagen Sie?“ Zu seinem alten Kunden: „Wir gehen jetzt zusammen  an die Kasse. Sie bekommen das After Shave zum Preis der Konkurrenz.“ Cord Wöhlke tuschelt mit der Schichtleiterin. Die Schichtleiterin tuschelt mit der Kassiererin. Die Kassiererin gibt vor Schreck den alten Preis ein, storniert ihn wieder und tippt mit ihren zehn Fingern und ihrer Identifikationskarte den Preis der Konkurrenz ein. Cord Wöhlke verteilt wieder Sternchen.

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Er versteht sich als Sozialrevolutionär. Er prangerte den Kapitalismus an, in Worten, auf Demonstrationen und im Freien Senderkombinat: Ronnie Prieß, Erzieher, Leiter einer Kindertagesstätte. Sozialdemokraten waren ihm verdächtig, weil sie Demokratie mit Volk verbanden. Kein Alkohol, Radfahren. Gerechtigkeit war ihm wichtig, vor allem den Feind klar im Visier: „Die Attentäter von 9/11 hatten schon das richtige Ziel.“ „Werner Pomrehn ist eine Ratte.“

Mit dem Geld für seinen Pflegesohn wollte er sich ein Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik finanzieren, gab aber bald auf. Er war zu klug für ein Studium in Deutschland. Die Zeiten änderten sich, die LINKE erschien auf der politischen Bühne. So konnte er als Referent dieser Partei sein Berufsleben abschließen – mitten unter Sozialdemokraten.

 

 

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