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Das Gute und das Böse

 

Wer das Böse bekämpfen will, darf nicht zu gut sein

 

"Ihre Ehre ist nicht meine Ehre"

Vor 70 Jahren wurde der Hamburger Hitler-Gegner Etkar André von den Nazis hingerichtet. Sein "Verbrechen": Er war kommunistischer Funktionär    Von Bernhard Röhl

Als Etkar André starb, war er erst 40 Jahre alt. Am 4. November 1936, morgen vor 70 Jahren, trat der Scharfrichter Gröpler aus Magdeburg in Andrés Zelle im Hamburger Untersuchungsgefängnis. Gröpler waltete seines Amtes und richtete den Nazi-Gegner hin. Der Tote wurde der Gestapo übergeben, die Urne mit seiner Asche in einem Gebüsch verscharrt.

1894 wurde Etkar André in Aachen geboren, er wuchs im nahen Belgien auf. Im Alter von 17 Jahren trat er der Sozialistischen Partei bei und stieg dort zum Sekretär der Sozialistischen belgischen Arbeiterjugend auf. Er fühlte sich dennoch als Deutscher, trat nach Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig in die kaiserliche Armee ein. In Flandern erlebte er die mörderischen Stellungskriege, wurde verwundet und geriet 1918 in französische Gefangenschaft. Die Tatsache, freiwillig in den Krieg gezogen zu sein, wollte André später am liebsten verdrängen und verschwieg dies auch gegenüber seiner späteren Lebensgefährtin Martha Berg. Sie fand seinen Militärpass erst nach seiner Verhaftung durch die Nazis im März 1933.

Nach dem Weltkrieg war André wie so viele zunächst arbeitslos und zog 1920 daher nach Hamburg, in der Hoffnung, hier eher Arbeit zu finden. Er jobbte im Hafen und auf dem Bau, als 1923 die Inflation kam, stand er wieder auf der Straße. Die Inflationszeit und der totale Verfall des Geldes traf vor allem die Hamburger Armenviertel. In St. Georg starben von 1920 bis 1926 allein 8000 Kleinkinder an Unterernährung.

Dies war das Hamburg, das André erlebte, eine Stadt, in der die Armen unsagbar arm und wenige Reiche unsagbar reich waren. Ein Eindruck, der auch sein politisches Denken prägte. 1920 war er in die SPD eingetreten, die verließ er 1923 enttäuscht und wendete sich der KPD zu. 1924 gründete er mit GenossInnen den Roten Frontkämpferbund RFB und wurde bis zum Verbot der Organisation 1929 ihr Leiter des Bezirks Wasserkante. Der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, selbst Hamburger, betrachtete den RFB als "antifaschistische Schutz- und Wehrorganisation des Proletariates". Auch andere Parteien wie die SPD bauten in dieser Zeit ähnliche Organisationen auf.

1926 wurde André in die Bezirksleitung der KPD Wasserkante gewählt, der er bis 1930 angehörte. Das KPD-Büro befand sich damals im Valentinskamp 42, das Gebäude blieb bis heute erhalten. 1927 organisierte der RFB die Hamburger Antikriegswoche, 20.000 Leute demonstrierten damals im Stadtpark. Der RFB hatte reichsweit 1928 mehr als 130.000 Mitglieder, in diesem Jahr fand das Bundestreffen im März in Hamburg statt. Die Resolution, die damals verabschiedet wurde, endete mit dem Satz: "Hamburg bleibt rot. Rot Front!"

Der RFB wurde von einem Büro im Besenbinderhof verwaltet. 1927 stürmten Nazis das Büro, verwüsteten es und schmierten Parolen an die Wand: "Wir kommen wieder und dann wehe euch. Heil und Sieg mit Hitler. Tod euch allen." André war in diesem Jahr in die Bürgerschaft eingezogen, er gehörte zu den 28 Abgeordneten, die die KPD ins Rathaus schickte. Er war einer von denen, gegen die sich immer wieder Drohungen von rechts wendeten. Deswegen wechselte er mehrfach seinen Wohnsitz in Hamburg, er wohnte in der Grindelallee, in der Barmbeker Adlerstraße, später in der Pestalozzistraße. Am 14. März 1931 wollte er zu Bauern in den Vierlanden sprechen. Da er jedoch an dem Tag kurzfristig verhindert war, fuhr der KPD-Abgeordnete Ernst Henning stattdessen hinaus nach Kirchwerder. Auf dem Weg dorthin kletterten drei junge Männer in den Bus, in dem Henning saß, einer zog einen Revolver, schrie: "Du bist André, du wirst jetzt erschossen", und ermordete Henning. 35.000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung, Etkar André ging an der Spitze des Trauermarsches. Der Senat hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Polizei loszuschicken. Die feuerte auf den Trauerzug, ein Mensch wurde getötet, drei verletzt.

Die drei SA-Mörder Jansen, Höckmair und Bammel kamen ins Zuchthaus, nach der Machtübernahme der Nazis wurden sie sofort freigelassen. Einer von ihnen war später Personalchef einer Großeinkaufsfirma, die anderen traten in den Dienst der Gestapo.

Als die Nazis am 30. Januar 1933 die Macht übernahmen, galt André gleich zu den meist gefährdeten Personen in Hamburg. Der Schriftsteller Willi Bredel empfahl ihm, "sich zu verkrümeln", André lehnte ab. Er beteiligte sich am Wahlkampf für die Reichstagswahlen vom 5. März in Cuxhaven, das damals noch zu Hamburg gehörte. Nach einer Rede in Cuxhaven am 4. März setzte er sich in den Zug, um nach Hamburg zurückzufahren. Dort wurde er von der Gestapo festgenommen.

Misshandlungen, Folter und Peitschenhiebe prägten die Haftzeit, die jetzt folgte. André trug schwere Schäden davon und konnte nur noch an Krücken gehen. Hitlers Statthalter in Hamburg, Karl Kaufmann, bestätigte bei einem Verhör 1945 gegenüber den Alliierten die Folterungen der politischen Häftlinge im Stadthaus, dem Hauptquartier der Gestapo an der Stadthausbrücke - dem Gebäude, in dem sich heute die Baubehörde befindet. "Man fragte ihn zunächst, ob er aussagen wolle. Als er verneinte, fiel das Schlägerkommando über ihn her und schlug ihn mit Gummiknüppeln zusammen", bezeugte Karl Kaufmann.

Am 4. März 1936 begann vor dem Hamburgischen Oberlandesgericht der Prozess gegen Etkar André. Als Vorsitzender fungierte der Richter Roth, der schon den kommunistischen Funktionär Fiete Schulze 1935 zum Tode verurteilt hatte. Das Urteil gegen Etkar André stand von daher bereits vor Prozessbeginn fest: Am 10. Juli verhängte das Gericht die Todesstrafe - es heißt, auf höchsten Befehl Adolf Hitlers.

Am 1. Juli hatte André sein Schlusswort halten dürfen: "Ich erkläre: Ihre Ehre ist nicht meine Ehre, uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen. Ich will keine Gnade, als Kämpfer habe ich gelebt, und als Kämpfer werde ich sterben mit den Worten: Es lebe der Kommunismus."

Seine Lebensgefährtin durfte André nicht mehr sehen. Am Morgen seiner Hinrichtung schrieb er ihr einen Abschiedsbrief. Dann wurde er hingerichtet.

Die Grabstätte von Etkar André befindet sich heute im Ehrenhain für die Opfer des Faschismus auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

die tageszeitung

03.11.01 Hamburg lokal

Ein Bericht aus Hamburg 1938

 

„Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein“, das war der Ausspruch eines ehemaligen deutschnationalen Offiziers in Hamburg, als er von erfuhr und sie selber zum Teil mit ansehen konnte. Als die Nachricht vom Tode vom Rath’s um 4 Uhr bekannt wurde, war die Stadt genau so ruhig wie die Tage vorher. Es rührte sich kein Mensch, die Leute waren keineswegs aufgeregt. Ich muss aber sagen, es lag etwas in der Luft und gegen 2 Uhr nachts  setzten sich dann auch Kolonnen „schlagartig“ in Bewegung. Die zu je sechs Mann eingeteilten Kolonnen trugen je ein Schild, auf dem die Namen der jüdischen Geschäfte standen, die geplündert werden sollten. Am Neue Wall, dem schönsten Geschäftsviertel Hamburgs wurde, wurde kein Geschäft verschont. Im Hause Robinson wurden Dutzende von großen Schaufenstern eingeschlagen, die Schaufenster ausgeräumt und Pelze im Werte von einer halben Million ins Wasser geworfen oder gestohlen. Die Polizei stand dabei und sagte nichts. Ich sah, wie ein Japaner photographieren wollte. Er wurde von der Polizei verhaftet.

 

Das Haus Gebrüder Hirschfeld wurde total demoliert. Auch mussten Dutzende von Schaufenstern dran glauben. Als am 10. November das Personal in das von bestialischer Hand zertrümmerte Haus ging, wurden sämtliche jüdischen Angestellten verhaftet. Die Polizeiwagen rasten überhaupt am 10. durch die Stadt und man verhaftete alle männlichen Juden zwischen 18 und 60 Jahren, soweit man sie erwischen konnte. Die Verhafteten wurden sofort nach Berlin transportiert; einige ältere Personen starben auf diesen Transporten, andere begingen Selbstmord. Als ich am Freitag, den 10. November am Altonaer Hauptbahnhof war¸ sah ich 14 offene Wagen mit verhafteten Juden aus Berlin. Die Verhafteten wurden immer an einen anderen Ort verbracht, die Nazis hatten Angst, dass die Bevölkerung zu sehr durch die Unmenschlichkeiten aufgebracht werden könnte.

 

 

In der Osterstraße wurde bei einem Schwerkriegsbeschädigten namens Blumenthal der Laden zertrümmert, der Inhaber verlor dabei sein Leben, weil er auf seine Kriegsbeschädigung verwies und sich nicht ohne weiteres alles gefallen lassen wollte. Ich sah, wie vor diesem Laden Arbeiterfrauen standen und weinten. Sie bezeichneten den Toten als den besten Menschen, den sie gekannt hätten.

 

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